Raue Zeiten und raue Sitten

Serie „Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland“ von OTTO-ERWIN HORNSMANN1

Krüss Bierhalle (Symbolbild).Grafik: Museum Helgoland

Krüss Bierhalle (Symbolbild).
Grafik: Museum Helgoland

Es waren raue Zeiten und es herrschten raue Sitten wie die alten Urkunden bezeugen. So beschwerten sich die Helgoländer im Jahre 1624 bei ihrem Fürsten über den Kapitän Hans Adolf Hoyer:

„Wir armen Unterthanen auf dem hilligen Lande müssen Euch klagen durch dieses Mittel, dass wir das Schreiben von Hamborch an Euch schicken und unser Elend vermelden, wie erbärmlich der Capptain Hoyer hier mit uns umgeht und unsere Weiber und Kinder zu Schanden bringet mit seiner Hurerei und notzüchtigt sie mit Gewalt, welches wir armen Leute leiden müssen. Wenn solchen Eure Fürstl. Gnaden nicht strafen will, so müssen wir den Kerl mit seinen Soldaten und bösem Anhange totschlagen, denn sie tun uns großen Aerger und wir wollen sie hier nicht länger leiden“.

Man warf ihm weiter vor, dass er ein Calvinist wäre, nicht in die Kirche ginge und dazu versuche, aus dieser roten Erde hier Gold zu machen.

„Der Capptain ist ein Säufer und fauler Kerl, in der Nacht geht. Er duhn und voll zu Bett und um 12 Uhr mittags steht er auf und dann schon wieder angetrunken“.

Auch eine Notiz aus dem Jahre 1637 über den Vogt Johannes Dietz zeugte nicht gerade von feinem Benehmen:

„Die Ehefrau des Jasper Michelsen hat sich beschwert, weil der Landvogt ihren Mann schwer am Kopfe verletzt habe. Weiter hat er großen Streit gehabt mit dem Constabel Detlef Gloyer, wo bei der schweren Rauferei Dietz den Gloyer in den Finger biss, der darauf an Blutvergiftung gestorben.“

Der Vogt ist dann nachts von Helgoland geflohen und hatte später dem Herzog erklärt, dass er in Notwehr gehandelt hätte, denn:

„Gloyer habe auch den Bart, um denselben gentzlich auszurauffen gefasset und nicht gehen lassen, wobey er dann mit dem Finger mir ins Maul geraten, welchen ich dann mit den Zehnen so lange halten und fassen müssen, und ich zur Rettung meiner Augen und des Bartes umb Hülfe gerufen.“

Der bei dem „Capitain und Commendanten der Insel Helgoland und Vestung Heiligland Matthias Puls“ als Praeceptor (Hauslehrer) beschäftigte Benjamin Knobloch hatte im Jahre 1643 seine „Heiligolandria“ geschrieben und sagt dort:

„Die Lufft auff dieser Insel ist dermaßen temperieret, rein und gesund, dass ungeachtet die Insel ziemlich volkreich und wol mehr als 1000 Personen darauf zu zählen, dennoch ihrer gar wenig (gottlob) im Jahre mit Todt abzugehen pflegen. Die Einwohner der Insel sind von Jugend auff zur Arbeit gewohnt und ernähren sich allesamt von Fischfang, indem sie ihre Nahrung weit in dem Meer und bei Doggersand, so 30 Meilen von hier ist, auch noch weiter zusammen mit denen von Sild und Föhr mit großen Unkosten und Gefahr ihrer Gesundheit und des Lebens suchen und ihre Handlung in verschiedene Provinzen und Städte damit treiben.

Auch haben sie das Lob, dass sie erfahrene Schiffsleute sind und alle Wege und gefährliche Örter auf dem Meer wol kundig, dahero sie denn auch allen denjenigen, die mit großen Schiffen aus Indien, Spanien, Frankreich, Engeland entweder durch Sturm dahin vertrieben oder auch wissentlich allda ankommen und fort nach der Elbe oder Weser oder anders wohin wollen, auff dero Ansuchen treulich beispringen, sich umb einen billigen Lohn vor Piloten – oder Lotsleute, wie sie sagen – gebrauchen lassen und die Schiffe ohn alle Gefahr an begehrten Ort und Stelle bringen. Auch sind sie gute Schützen und wissen einen Vogel im Fliegen aus freier Hand geschwind und mit Verwunderung zu schiessen“.

Bis in diese Zeit hinein – Mitte des 17. Jahrhunderts – können wir nun die eingesessenen Helgoländer Familien an Hand der Kirchenbücher-Auszüge nachweisen. Bis 1945 waren noch die Kirchenbücher im Original seit 1669 vorhanden. Aber geführt wurden solche Bücher auch schon vorher, denn der Pastor Petersen hat in einem Schreiben vom 24. April1 752 dem Advokaten Johannes Lass in Husum berichtet, dass er hier auf der Insel keine alten Dokumente und kein Kirchenarchiv gefunden habe,

„es kann aber seyen, dass solche bey den vorigen Predigern abhanden gekommen. Und wer weiß, ob selbige nicht gleiche fatalicet (Schicksal) mit den Kirchenbüchern vom vorigen Saeculo (Jahrhundert) gehabt, welche, da Herr Pastor Feddersen diese zum Einbinden mit sich einst nach Husum nahm und unterwegens das Schiff gefährlich strandet im Wasser – wie bekannt – verlohren gegangen“.

(wird fortgesetzt)

(Gestaltung: Andreas Bubrowski)

  1. aus: Otto-Erwin Hornsmann, Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland, Museum Helgoland, 2006, mit freundlicher Genehmigung des Autors

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