Für Helgoländer Fischer kehrte 1948 bis 1950 der Krieg kurzzeitig zurück

Vierter Teil einer Serie von Erich-Nummel Krüss
zum 60. Jahrestag der Freigabe Helgolands

Wir fischten weiterhin Hummer auf Norden und Steingrund zusam­men mit anderen Helgoländer Fischern und kamen nicht mehr allzu oft in die Nähe der Insel. Man ging einfach auf der Nordsee vor Anker wenn es Nacht wurde. Wer schon mal nachts auf offener See auf einem ankernden Schiff schlafen wollte, weiß, wie diese Nachtruhe aussieht! Wurde das Wetter allzu schlecht, dann suchten wir uns in Lee der Insel einen geschützteren Platz, immer der Gefahr von Übungsangriffen ausgesetzt.

© Museum Helgoland

© Museum Helgoland

Einmal ankerten wir in der Nähe der Düne bei der Aade, suchten Schutz vor einem starken westnordwestlichen Wind. Unser Hittfatt, der Hummerkasten, mit dem gesamten Fang der letzten Tage, hatten wir achteraus gebunden. Wir lagen schon lange in der Koje, als es brummte. Aus Sorge, zu dicht bei ihrem Bombenziel zu liegen, versuchten wir, so schnell wie möglich unseren Ankerplatz zu verlassen, aber das Hittfatt musste erst übernommen werden und der Anker gehievt. In dieser Zeit flog die Royal Air Force einen kompletten Tiefangriff auf die Insel, schoß mit Leuchtspurmunition und warf Brandbomben. Obwohl es eigentlich auf Helgoland nichts mehr gab, was brennen konnte, war die ganze Insel im rotem Feuer und man konnte die Piloten im Tiefflug in ihrem Cockpit sitzen sehen.

Da fielen auch schon die ersten Bomben

Man kann sich unsere Angst vorstellen. Das muß so im Jahre 1949 oder 1950 gewesen sein. Danach hatten wir nicht so schnell wieder das Bedürfnis uns in die Nähe der Insel zu wagen, aber wenn das Wetter allzu schlecht ist, wirft man viele Bedenken wieder über Bord. So auch eines schönen Abends, wir hatten unsere Körbe auf Steingrund rechtzeitig bearbeitet, als mein Vater meinte, er wolle endlich mal wieder seinen frischen gekochten Dorsch ohne andauerndes Geschaukel in Ruhe essen. Wir fuhren zum Südhafen, hatten aber doch soviel Respekt, nur vorn an der Innenkante des linken Molenkopfes festzumachen. Wir sollten gerade unsere Mahlzeit beginnen, als wir Flugzeuggeräusche hörten. Ein Sprung in den Maschinenraum, Motor angeworfen, Leinen vorn und achtern los und nichts wie weg.

Helgoland als Bombenziel. © Museum Helgoland

Da fielen auch schon die ersten Bomben mitten in die Hafeneinfahrt, etwa 30 Meter von uns entfernt. Aber – Gott sei Dank! Es waren Übungsbomben aus Zement! Hätten die Engländer Sprengbomben genommen, wie sonst meistens, wäre wohl nicht viel von uns übrig geblieben. Solche und ähnliche Vorfälle gab es natürlich auch bei den anderen Helgoländer Fischern und wir konnten alle froh und dankbar sein, dass es keine Toten und Verletzte gegeben hat.

© Museum Helgoland

© Museum Helgoland

Im Juni 1950 liefen wir vor schlechtem Wetter in die Elbe ein. Auf der Elbe begegneten wir einem nachgebauten Wikingerschiff aus Schweden mit 15 jungen Leuten, die aus der Ostsee kommend auf die Nordsee hinaus wollten, Richtung Rotterdam – die „Ormen Friske“. Sie sollte nie an ihrem Bestimmungsort ankommen, denn sie war ab dem 22. Juni 1950 verschollen in dem Sturm, vor dem wir in die Elbmündung auswichen. Einzelne Wrackteile wurden später an der nordfriesischen Küste angetrieben. Es wehte aus Südsüdwest mit Stärke zehn bis elf. Helgoländer Hummerfischer, die vor dem schweren Sturm im Helgoländer Hafen Schutz suchten erzählten aber, dass sie dieses Schiff im Sturm hinter der Düne gesichtet hatten.

„Ormen Friske“ – von einer Bombe getroffen?

Die Royal Air Force benutzte in dieser Nacht die Insel als Übungsziel, und obwohl die Fischer mit Scheinwerfern auf ihre missliche Lage auf sich aufmerksam zu machen versuchten, mussten sie an Land vor den Bomben Schutz suchen und dabei ist ihnen das Schiff hinter der Düne aufgefallen. Es wäre möglich, dass es sogar von einer Bombe getroffen wurde und nicht durch Sturmeinwirkung sank oder auf der Düne strandete. Der Krieg war also in den Jahren 1948 bis 1950 für die Helgoländer Fischer zurückgekehrt.

Verschiedene Helgoländer Gruppierungen versuchten schon in all diesen Jahren, bei den Regierungen auf das Schicksal unserer Insel und deren Bewohnern aufmerksam zu machen. Diese intensiven Bemühungen und solche Unfälle wie die der „Ormen Friske“, der mangelnde Schutz für die Fischerei in der Nordsee, der Fels ohne Leuchtturm als ein an sich gefährliches Schiffahrtshindernis und natürlich nicht zuletzt die Invasion der beiden Studenten von Hatzfeldt und Leudesdorff im Dezember 1950 führten endlich dazu, dass im Jahre 1951 die Anlaufverbote für die Schifffahrt gelockert wurde. Es gab, wenn ich mich recht erinnere, schon Wochenenden mit Einlaufgenehmigungen.

© Museum Helgoland

© Museum Helgoland

Die „Auguste“, Eigner Max und Daniel Denker, sowie die „Pik As“, Eigner Karl Oelrichs und Peter Botter, bekamen von der Administration je einen Grenzwellen­empfänger1 an Bord (es gab noch kein UKW!), damit sich die Helgoländer Fischer auch außerhalb der genehmigten Einlaufzeiten bemerkbar machen konnten, wenn das Wetter zu schlecht war und sie den Hafen nicht verlassen konnten. Es waren erste Zugeständnisse und die Hoffnung, dass unsere Insel zum 1. März 1952 wieder freigegeben würde, sollte zur Gewissheit werden, als am 9. September der HAPAG–Dampfer „Vorwärts“ mit 400 Helgoländern kam, die zum ersten Mal ihre Heimatinsel wiedersehen durften. Da das Betreten der Insel aber verboten war, fuhren die Helgoländer Fischer ihre Landsleute mit ihren Booten und Kuttern um die Insel. Es war wohl die erste Inselrundfahrt mit Gästen nach dem Zweiten Weltkrieg. (wird fortgesetzt)

(Gestaltung: Andreas Bubrowski)

  1. Als es noch keine Ultrakurzwellensender (UKW) gab, wurde der Schiffsbetriebsfunk über Norddeich-Radio oder Elbe-Weser-Radio im Grenzwellenbereich abgewickelt. Das heißt die Frequenzen lagen zwischen Kurz- und Mittelwelle, daher die Bezeichnung Grenzwelle. Es war Sprechfunk in sehr schlechter Qualität, die sich erst bei der UKW verbessert hat, auch in Bezug auf die Reichweite.

Artikel zur Serie

  1. Helgoland ist frei – Neubeginn mit der Hummerfischerei (22.02.2012)
  2. Leben und Überleben Dank Hummerfischerei vor Helgoland (27.02.2012)
  3. Helgoländer Hummer gegen dänische Kronen (04.03.2012)
  4. Für Helgoländer Fischer kehrte 1948 bis 1950 der Krieg kurzzeitig zurück (09.04.2012)
  5. 1. März 1952 - Helgoland ist endlich frei! Ein beispielloser Wiederaufbau beginnt (20.05.2012)

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