Helgoländer Hummer gegen dänische Kronen

Serie von Erich-Nummel Krüss zum 60. Jahrestag der Freigabe Helgolands1

Ich entsinne mich noch gut eines für mich sehr eindrucksvollen Vorfalls. Wir liefen mit unserer Eta-Elisabeth in den Vorhafen ein und da lag ein großer dänischer Kutter aus Esbjerg, die E 48 vor Anker! Verpflegung war zu der Zeit äußerst knapp und mein Vater witterte sogleich eine Chance, dies etwas zu ändern. Wir gingen längseits und zeigten ihnen unsere Alkoholration des gesamten Monats.

Helgoländer Fischer kehren zurück. Foto: Museum Helgoland

Es wurde an Bord gebeten. Da ich mit meinen 15 Jahren ziemlich dünn und unterernährt aussah, wurde mir sofort eine Milchsuppe (mit frischer Vollmilch!) gekocht, wo hinein noch ein großer Klumpen Butter gerührt wurde. Viel wurde erzählt und zum Abendessen gab es dann Gulasch aus Dosen mit saueren Gurken und alles was man sich sonst noch wünschen konnte – für uns das reinste Schlaraffenland! Die Dänen durften nur im Hafen ankern, weil sie (angeblich) Maschinenschaden hatten, aber in Wirklichkeit wollten sie mit Helgoländer Fischern Kontakt aufnehmen, um Hummer aufzukaufen. Darauf gingen wir ein.

Konserven bei der Langen Anna vergraben

Es gab pro Pfund Hummer eine dänische Krone, wofür dann Nahrungsmittel aus Dänemark mitgebracht wurden. Für die Dänen ein sehr gutes Geschäft und für uns eine etwas bessere Versorgung der Familien zu Hause in dieser Schwarzmarktzeit vor der Währungsreform. Aber nur, wenn wir die Sachen gut am Zoll vorbeibekamen. Konserven hatten wir daher zum Teil bei der Langen Anna vergraben, um sie nach und nach an dem Zoll vorbeizuschmuggeln. Es wurden in den Jahren 1947 bis 1950 genügend Hummer gefangen um auch das Soll für die Behörden zu erfüllen damit man berechtigt war, ein Proviantbuch und ausreichend Treibstoff und Material zu bekommen.

Nach den Sprengungen wurde dann die Insel für die gesamte Schifffahrt gesperrt. Deswegen bemühten sich mein Vater und mein Cousin auch wie fast alle anderen Helgoländer Fischer, nur ziemlich aussichtslos, ein größeres, gedecktes Fahrzeug zu bekommen. Die Meisten fischten noch mit einem offenen Boot und Kajüte wie die oben schon erwähnten:

  • die Liesel – mit Hinrich Denker und Leopold Friedrichs
  • der Pirat – mit Jasper D. Denker, Hinrich Wichers und Jasper Stoldt
  • der Seehund gen. U 9 – mit Henry Lührs und Jacob Wichers
  • die Frieda – mit Christian und Henry Uterhark
  • und das kleinste Boot, die Änne – mit Johann (Hanni) Krüss

Die Helgoländer Boote, wie

  • der Seebär – mit Nickels Block und James Helmke
  • die Anna-Catharina – mit Henry und Cobers Reymers und Max Arnhold
  • die Pik As – mit Karl Oelrichs und Peter Botter

hatten dann schon bald ein Deck und mussten nicht, wie wir, jeden Tropfen Spritzwasser der überkam mit der Handlenzpumpe auspumpen – eine mühselige Arbeit, die kein Ende nahm, denn wenn das Boot hart einsetzte, war wieder genauso viel Wasser im Boot, wie man vorher ausgepumpt hatte. Auch andere Helgoländer Fischer hatten sich mit zum Teil abenteuerlichen Fahrzeugen zum Hummerfang eingefunden, die heute mit Sicherheit an keiner Besichtigung der Seeberufsgenossenschaft vorbeigekommen würden.

Broschüre2 „Helgoland ist frei!“

Mit diesen Schiffen konnte man einfach nicht bei schlechtem Wetter dem Festland zustreben, es musste auf der Insel besseres Wetter abgewartet werden und so mussten die Besatzungen manches Mal ihre Boote verlassen und auf der Insel Schutz vor den Übungsbomben der Royal Air Force suchen. Auf dem Südhafengelände standen große Betonblöcke, etwa dort, wo sich jetzt das WSA-Gebäude befindet. In deren Schutz wurde oft das Ende des Bombardements abgewartet. Zum Glück ist dabei nie etwas Schlimmeres passiert und auch von den Booten wurde keines getroffen.

Neue Helgoländer Boote

1948 begann die Werft D. W.Kremer Sohn in Elmshorn einige neue stählerne Helgoländer Boote zu bauen – die Nathurn, die Heimat und die Ellenbogen. Die Ellenbogen war für die Biologische Anstalt Helgoland bestimmt, aber mit der Nathurn fischten nun Theo Roolfs und Pay Wichers und mit der Heimat Carsten Dreyer und Hermann Rickmers (Morengo). Danach hatten dann auch wir unsere Chance, bei dieser Werft ein gedecktes Fahrzeug Helgoländer Bauart in Auftrag zu geben. Im Mai 1949 wurde ich auf der Ingrid angemustert – und hatte endlich eine eigene Koje!

(Gestaltung: Andreas Bubrowski)

  1. am 1. März 1952
  2. Im Selbstverlag herausgegebene Sammlung von Zeitzeugenberichten, die für sieben Euro beim MUSEUM HELGOLAND bezogen werden kann.

Artikel zur Serie

  1. Helgoland ist frei – Neubeginn mit der Hummerfischerei (22.02.2012)
  2. Leben und Überleben Dank Hummerfischerei vor Helgoland (27.02.2012)
  3. Helgoländer Hummer gegen dänische Kronen (04.03.2012)
  4. Für Helgoländer Fischer kehrte 1948 bis 1950 der Krieg kurzzeitig zurück (09.04.2012)
  5. 1. März 1952 - Helgoland ist endlich frei! Ein beispielloser Wiederaufbau beginnt (20.05.2012)

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