Kampf um Privilegien

Serie „Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland“ von OTTO-ERWIN HORNSMANN1

Westklippe-Djunkgat. Abb.: Museum Helgoland

Westklippe-Djunkgat. Abb.: Museum Helgoland

Die Insel war also mal wieder dänisch, die Privilegien wurden schon am 7. Juli 1684 bestätigt und es wurden sogar neue Wünsche erfüllt, unter anderen:

  • Eine Zusage, einen Eingeborenen als Landvogt einzusetzen,
  • Fremde Krämer, die nur von Ostern bis Michaelis hier sich aufhalten dürfen, müssen „bey den Einwohnern logieren“,
  • Der Ausschank, die Krügerei, ist nicht mehr Monopol des Landesherrn, sondern für alle Eingesessenen gegen Zahlung einer Gebühr möglich.

Das war nun für die Helgoländer von Vorteil.

Militärs als Sündenböcke

Es wurde auch Jasper Jacobs – dessen Grabstein noch heute in der Kirche steht – als Landvogt eingesetzt, allerdings nur mit der Hälfte des Gehalts, die andere Hälfte bekam der als Kontrollinstanz bestimmte Inspektor Georg Schroeder aus Glückstadt. Der bisherige Landesvater, Herzog von Gottorp, war natürlich sehr erbost und beschimpfte nun seinerseits die Helgoländer als Rebellen. Die Landes-Vorsteherschaft fühlte sich daher bewogen, am 8. Juli 1685 eine lange Rechtfertigungsschrift dem Herzog zu übersenden, die sogenannte „Purgierungsschrift“, in der man die Schuld von sich abwälzte und die Herren Militärs als Sündenböcke darstellte.

Schon im Jahre 1689 aber wurde dem Herzog von Schleswig-Gottorp im Frieden von Altona die Insel wieder zugesprochen, dieser schickte nun den Mann als Landvogt hierher, den die Helgoländer so schmählich behandelt hatten, nämlich den Herrn Christian Ernst Froboes. Er hat sich bitter gerächt und er schikanierte und trietzte sie nicht schlecht! Er liess sich auch das Gerichtsprotokoll vorlegen, in dem die „Purgierungsschrift“ abgeschrieben war, strich beinahe jede Zeile für Zeile durch und setzte an den Rand seine hämischen Bemerkungen wie

  • „das Ausgestrichene ist alleß erlogen“
  • „Das lügest Du, meine Seel sollte mit den Filistern gestorben sein“
  • „meinem braven Herrn schelmisch vorgelogen“
  • „keiner hat das Hertz zu sagen, das ihn der Teufel holen sol, wo es wahr ist“.
Wappen der Herzöge zu Schleswig-Holstein-Gottorf. Kupferstich von Christoph Weigel/Wikipedia

Wappen der Herzöge zu Schleswig-Holstein-Gottorf. Kupferstich von Christoph Weigel/Wikipedia

Schon im Oktober und im November des Jahres 1689 richteten die Helgoländer Beschwerdeschriften über Froboes an den Herzog, aber der reagierte überhaupt nicht darauf. Man konnte Froboes erst 1692 durch eine Zahlung von 2.000 Reichthalern los werden. So viel war ihnen das wert und so viel Geld konnten die Helgoländer auch dafür schon aufbringen. Als Nachfolger kam der sehr energische Herr von Colditz, der sich als alter Soldat alle Mühe gab, aus einem „Sauhaufen“ eine „zackige Truppe“ zu machen. Am 15. Dezember 1692 gab er eine Verordnung „wegen des Corpus de Gardia und Aufschliessung der Pforte“ bekannt. Er stellt fest, dass die Wachtposten bei Tag und Nacht belästigt werden und

„dass sie deß Nachts mit der Aufschliessung und Zuschliessung der Pforten von denen unten in den Krügen trinkenheitshalber sitzenden Leuten offt sehr beschweret werden, und dass selbige gar um Mitternacht mit Umgestümb, Prahlerei und schimpflichen Worten heraufgelassen zu werden begehrten. Auch die Weiber umb ihre Männer aus den Krügen nach Hause zu langen mit grosser Unbescheidenheit und trotzigen Worten hinunter wollten. Alß wird zu allgemeiner Nachricht amtswegen geboten und verboten, dass in dem Wachthaus keinmand etwas zu schaffen haben soll, absonderlich aber die großen Jungens, so nur Taback-Schmauchen halber darinnen liegen, daselbst nicht mehr gelitten werden sollen.

Den alten Leuten aber, wenn sie Auf- und Abgehens halber sich ein wenig wärmen wollen, wird nach ihrer Bescheidenheit solches vergönnet. Anlangens die Öffnung der Pforte bey Nacht so wird der Unterschied gemacht, dass diejenigen, so ihrer Nahrung wegen ab- oder auf müssen, ohngeweigert allemahl passieret werden sollen; doch wenn mehr als eine Chaloupe Fischens wegen auswollen, sollen 3 oder 4 Chaloupen zusammen kommen und außgelassen oder wieder aufgelassen werden. Diejenigen aber, so des nachts in dem Krug trinkenheitshalber sitzen, sollen nach 9 Uhr, alß bis so lange die Pforte aufgehalten werden soll, nicht aufgelassen werden.“

Der Herr Leutenant Böttcher hatte in seiner „Nachricht von der Insel Helgoland“ im Jahre 1699 über diese Treppe geschrieben:

„Alles was zum hohen Lande hinauf oder wieder herunter gebracht werden soll, kann nicht anders, als vermittelst der Treppe, welche 126 Stufen hat, geschehen und ist so bequem, dass man mit einem Vieh gar wohl auf und absteigen kann. Die Treppe ist oben verwahret erst mit einem Pallisaden-Thor, nachgehends ein rechtes Thor mit Flügeln und zuletzt einem Fallgatter. Vorzeiten muss diese Passage gantz stark gewesen sein und von gantz starkem Eisen gemacht aber nunmehro vernichtet. Die Jochens und Balkens an dem Thore so aus starkem Holtze sind ganz alt und werden bey Nachtzeiten, wenn ein jeder die Thore passieret unter dem Vorwand, dass sie fischen wollen in Mangel des Brennholtzes ein Stück nach dem anderen mitgenommen.“

Der Herr von Colditz wird auch ein großer Jägersmann gewesen sein, denn er brachte 1693 gleich zwei diesbezügliche Verordnungen heraus. Am 6. März 1693 erinnert er daran, dass nur ihm als Gouverneur

„auch Ihre Hochfürstliche Durchlaucht oder der Hoffstad“

das Recht zusteht, auf dem Oberland nach „Schneppen und allerhand Vogeln“ zu schiessen und er den

„Einwohnern in der Düne und unters an den Klippen zu schiessen gnädigst mögen erlaubt habe. Anlangend aber den Schneppen und Vogelfang mit den Netzen, so wird es bey dem alten Herkommen belassen2“.

Am 20. Mai 1693 ergeht schließlich

„ein Verboth der in der Thüne ausgesetzter Kaninchen halber worin ganz ernsthaft verbothen wird, dass keinmand sich an den auf höchsten Befehl aus Engelland und zur Vermehrung in hiesigen Sandthünen versetzten Kaninchens weder mit Schiessen, Fangen oder noch anderen Gestalt sich unterstehen soll bey Zehen Rthl. Brüche.“

(wird fortgesetzt)

(Gestaltung: Andreas Bubrowski)

  1. aus: Otto-Erwin Hornsmann, Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland, Museum Helgoland, 2006, mit freundlicher Genehmigung des Autors
  2. Auf Grund einer Beschwerde der Helgoländer befahl der Herzog aber noch in demselben Jahr 1693 „denen Eingesessenen überall das freye Schneppenschiessen zu gestatten“.

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