Aus der Zeit um 1700: Nachricht von der Insul Helgeland

Serie „Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland“
von OTTO-ERWIN HORNSMANN1

Der Hengst-Hamilton-Point. Zeitgenössische Darstellung. Grafik: Museum Helgoland

Der Hengst-Hamilton-Point. Zeitgenössische Darstellung. Grafik: Museum Helgoland

Der Herr Lieutenant Böttcher, Oberbefehlshaber der Schleswigschen Besatzungsmacht auf der Insel, hatte sicherlich nicht sehr viel Arbeit mit seinen 12 Soldaten und wir sollten ihm dankbar sein, dass er seine Dienstzeit damit ausfüllte, der Nachwelt seine „Nachricht von der Insul Helgeland, so wie sie im Jahre 1699 beschaffen gewesen, aufgezeichnet und entworfen“ hatte.

Über die Insel schrieb Lieutenant Böttcher:

„Wie nun dies Land in dem saltzen Meer gelegen, so hat es dennoch etwas frisch Wasser und sind auf dem hohen Lande zwey Gruben, so von altersher nur Sapskuhlen genannt werden, haben ihren Namen von dem Worte Sapp oder Safft und muß auch die alte Sapskuhle schon sehr lange gewesen seyn. Die neue Sapskuhle ist gar nicht so lang und ist gemacht, weil die alte zu klein und sich nicht soviel Wasser darin aufhalten kann. Sie sind beyde gelegen an der Nordwesten-Seite des Landes, wo das Land am niedrigsten und das fallende Regenwasser aufgehalten.

Aus den Sapskuhlen wird das Vieh getränket. Das Wasser ist nach Grunde röthlich und dick und weil sie nur etliche Fuß tief und keinen Abfluß haben, findet sich gern allerhand Ungeziefer darinnen, wie gewöhnlich in stehenden Pfützen. Jedoch wird es in Ermangelung des Regenwassers zum Kochen gebraucht. Sonsten ist auch kein Gewächs auf dem Lande und wollen die Gartenfrüchte nicht wachsen, weil die Luft zu stark. Die Bäume können insonderheit in die Erde so tief nicht hinein wurzeln, dass sie wider den Wind bestehen können und wenn sie gleich anwachsen, so bringen sie keine Frucht wannehero auch kein einziger Baum auf dem Lande vorhanden, als sehr wenige Kirschenbäume und Johannes-Beeren-Sträucher welche unter den Häusern für den rauen Nordwind Schutz haben.

Das Unterland und der Waal ist nicht höher, als dass eine extraordinäre Fluth geräumig überhin gehet und ist der Waal gantz schmal und zu beyden Seiten mit salzigem Wasser umgeben. Dennoch sind zu beyden Seiten frische Quellen. Die ersten sind unweit der Treppe und für die Seefahrenden, wenn sie an Land kommen und frisch Wasser holen, sehr bequem. An dem anderen Ende und zwar in den Dühnen ist auch frisch Wasser und ist fast das Beste. Weil diese Quellen aber abgelegen und weil der Sand durch stetigen Wind sie verstopft, müssen sie allezeit zuerst wieder ausgeräumt werden. Das Unterland ist wüst und können die Sanddühnen nicht genutzt werden, es ist auch nichts darinnen zu bauen, denn wenn ein Stück Holtz oder sonsten etwas dahin gelegt wird, so wirft sich der Sand haufenweis darüber und suchet eine Bedeckung, wo´s den geringsten Aufenthalt findet und ist täglich zu sehen, wann aus dem Süderhafen nur ein Strauch hineingeworfen wird, dasselbe in wenigen Tagen ein Hügel werden kann. Wo die Thäler sind, wächst ein langes Schilff, welches die Einwohner Halmen nennen und zur Verbesserung ihrer Dächer gebrauchen können.

An das Ufer bey Süderhafen hat die See in wenig Jahren viel Sand und Unrath angeworfen; vielleicht daher, weil die Helgoländer daselbst ihre Handthierung treiben und allezeit einen großen Vorrath von abgeschnittenen Fischköpfen liegen lassen. Es ist öftermals von den großen Cabbelau-Köpfen eine solche Menge zusammen, dass wohl ein gantzer Hafen daraus könnte gemacht werden und ist leicht zu erachten, was es vor einen Gestank gibt“.

Nachdem er nun schon vorher berichtet hatte, dass die Helgoländer der Meinung wären, dass sie nur Fische essen könnten und vom Fleischessen „ungesund“ würden, erzählte er noch mehr über ihre Essgewohnheiten:

„Die getrockneten Schellfische dienen ihnen anstatt des Brods und wenn sie derselben genug haben, verlangen sie keine andere Speise. Wenn sie sich recht was zu gute tu wollen, füllen sie die Kablau-Magen mit Grütze und die Köpfe der Schellfische mit Mehl, kochen es miteinander und giessen Syrup darüber. Sollen der Delicatessen mehr seyn, so kochen sie etliche Krammets-Vögel oder Drosseln in grünen Kohl oder Gemüse, auch wohl ein paar Schnepfen in Milch, wobey der Syrup zum Überguß niemals vergessen wird. Soll es eine große Gasterey sein, so wird auch wohl eine Seemöwe in einen Teig von Roggenmehl gesteckt und im Backofen gar gemacht, ist ein Ofenbalk geheissen. Kommt noch dazu ein geräucherter gekochter Kablau, so sind dies überflüssige Traktamenten zu einer Hochzeit oder Kindtaufe. Syrup, Rosinen und Corinthen vergessen sie zu ihren Speisen nicht“.

(wird fortgesetzt)

Gestaltung: Andreas Bubrowski

  1. aus: Otto-Erwin Hornsmann, Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland, Museum Helgoland, 2006, mit freundlicher Genehmigung des Autors

Artikel zur Serie

  1. Helgoland in grauer Vorzeit – so könnte es gewesen sein (30.05.2013)
  2. Helgolands Vorgeschichte bleibt im Dunklen (30.06.2013)
  3. Heringsmengen ändern alles (31.08.2013)
  4. Eigene Wiesen und Weiden in Utholm (08.12.2013)
  5. Zahl der Bewohner steigt an (12.04.2014)
  6. Raue Zeiten und raue Sitten (08.06.2014)
  7. Düne wird von Insel getrennt (26.07.2014)
  8. Kampf um Privilegien (30.08.2014)
  9. Abfall- und Hochzeitsverordnung (04.10.2014)
  10. Reglementierung der Landwirtschaft - damals schon (23.12.2014)
  11. Aus der Zeit um 1700: Nachricht von der Insul Helgeland (01.02.2015)
  12. Lockerer Lebenswandel der Helgoländerinnen? (16.05.2015)
  13. Armut, Krankheit, Unglück, Tod (30.06.2015)
  14. Helgoländer werden Dänen - wieder einmal (31.07.2015)
  15. 1714: Flagge mit den Farben grün-rot-weiß (21.08.2016)
  16. Beginn der dänischen Epoche Helgolands (13.09.2016)
  17. Helgoländer: Seefahrer, Fischer und Walfänger (12.11.2016)
  18. Neujahr 1721: Sturmflut zerstört Wall zwischen Düne und Insel (25.12.2016)
  19. Bruch eines Eheversprechens: Zweyhundert Mark (19.02.2017)
  20. Dänischen Epoche Helgolands: Gebräuche und Sitten (14.04.2017)
  21. Die letzten Jahrzehnte der dänischen Periode Helgolands (27.06.2017)
  22. Rechtsprechung auf Helgoland: drastische Urteilssprüche (28.12.2017)
  23. Verteidigungsbereitschaft der Insel in unruhigen Zeiten (29.06.2018)

Schreibe einen Kommentar