Reglementierung der Landwirtschaft – damals schon

Serie „Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland“
von OTTO-ERWIN HORNSMANN1

Landwirtschaft auf Helgoland - heute: Ein Herde Heidschnucken auf den Wiesen des Oberlandes. Bild: Andreas Bubrowski

Landwirtschaft auf Helgoland – heute: Ein Herde Heidschnucken auf den Wiesen des Oberlandes.
Bild: A. Bubrowski

Auch die Landwirtschaft wurde damals schon reglementiert. Am 8. Februar 1698 wurde gerichtlich beschlossen:

„dass alle diejenigen, die Mist ausführen, nicht mehr über fremdes Land, und dasselbe sehr unrein machen, und auch nicht mehr auf der Gemeinde Grasland sondern auf ihr eigen Land legen. Die Kühe aber auf den rechten Bührweg und nicht auf den Fußstegen, auch nicht bey Süden umb die Häuser treiben“.

Sie können nirgends als auf ihrer Insel Leben

Am 23. Juli 1698 „wurde decretiret und am 24. Juli von der Cantzel abgelesen:

dass niemand sich gelüsten lassen solle, jemanden in seine im Felde auf der Kliff stehenhabende Bohnen und Erbsen Schaden zu thun. Der soll den Schaden bezahlen und halben Rthlr. Brüche geben“.

Der Lieutenant Böttcher, wohl Orts-Commandant der Insel, hat 1699 von den Bewohnern geschrieben:

„Trotzdem das Land jährlich etwas abnimmt, ist es doch niemals geschehen, dass sich einige von den Eingebohrenen nach anderen Orten begeben hätten. Sie sind der Meinung, dass sie nirgends als auf ihrer Insel Leben können. Weil ihre Speise mehrenteils Fische seyn und sie wenig Fleisch geniessen können, beklagen sie sich öfters, wann sie 14 Tage oder drei drei Wochen an benachbarten Orten gewesen, dass sie von Fleischessen ungesund werden.

Sie essen die Fische mehr roh – getrocknet und geräuchert- als gekocht. Die geräucherten Cabbelau und Schellfische machen sie so viel, als sie den Sommer über trocknen können und essen dieselben mehrenteils roh, wobey ihnen das Husumer Bier trefflich wohl schmecket. Man wird selten einen Heiliglander antreffen, der nicht einen trockenen Fisch in der Tasche hat und sagen etliche, dass sie sich hier an erquicken können, ja, wenn sie um Mitternacht naß und kalt zu Bette gehen, nehmen sie wohl ein Stück mit unter die Decke und wann sie ein wenig erwärmet, verzehren sie es mit großem Appetit. Das Einsalzen der Fische erfolgt mehrenteils in den am Strand gebauten Packhäusern, bisweilen aber auch oben auf das Land und weil der Pökel nicht selten alt und die Fische faul werden, so ist leicht zu erachten, was vor ein Gestank daraus entsteht. Die Einwohner sind ihn zwar gewohnt, allein einem Fremden wird er so unerträglch in die Nase ziehen, dass ihm jeder Appetit zum Fischessen vergehen wird.

Anitzo ist die Begierde nach der Fremde nicht groß unter ihnen, was wohl auch daher kommt, dass der meiste Theil unter ihnen ziemlich grob und ungehobelt und ihre angebohrene böse Art, welche sie durch ihr friesisches Erbe genugsam an den Tag legen, lässt sich nicht gerne von jemand auch nicht an ihren eigenen Predigern corrigieren, weil der Verstand entweder durch stetiges Saufen hinweg oder der Eigensinn so groß, dass sie von ihrem Willen nicht wollen ablassen. Wie es umb ihr Christenthum stehet, weiset die tägliche Erfahrung und wenn nicht die Furcht zu versaufen da wäre, würden sie sich wenig an ihr Gewissen kehren. Entweder sind sie in der See oder in den Krügen wenn sie nicht in ihren Häusern liegen und schlafen.

Der Arbeit sind sie gar wohl gewohnt und leben mehr bey Nacht als bey Tag auf dem Wasser, sodass sie auch öfters wohl in 14 Tagen nicht aus ihre Kleider kommen, welche bald naß bald trocken sind. Des Leibes Beschaffenheit sind sie ziemlich hart, weil sie stets in der Luft und im saltzigen Wasser.Die Männer verrichten wenig Arbeit im Hauß, denn sie nehmen nur allein wahr, was in der See zu thun und dagegen sind die Frauen gewohnt, alle Arbeit an Land und in den Häusern zu verrichten. Die Männer bringen nur die Fische ans Land und stehen alsdann die Weiber und Kinder bereit, die Fische rein zu machen, entzwei zu schneiden, die Leber herauszunehmen um guten Thran daraus zu machen und was einzusaltzen vonnöthen. Und müssen die Weiber alles die Treppe hinauf tragen, welches Sie sich vor eine Ehre halten, dass sie es verrichten können. Hingegen halten die Männer vor eine Unehr wann ihre Weiber zu solchen tragen nicht tüchtig.

Sobald die Kinder gehen können, müssen sie auch schon ihr Brod verdienen, indem sie aus dem zusammengesammelten Lebern den Thran kochen, die Netze reinigen, die abgebrochenen Angeln ausbessern und alles zum Fischen vorbereiten. Sie haben auch das recht, mit nach „Los“ zu laufen und ob sie schon nicht tüchtig genug sind, um mit hinauszufahren, so bekommen sie doch ihren Antheil, damit sie auf die vorbeyfahrenden Schiffe desto besser Achtung geben.

Wenn ein Mann in einem Hause stirbt und hat einen Sohn von 12 –14 Jahren, so kann er schon seines Vaters Stelle bekleiden und Mutter, Schwestern und Brüder versorgen. In ihren Häusern sind die Einwohner schlecht logiert und wohnen in hölzernen oder gemauerten Kathen oben auff dem Lande und unten nahe an der Treppe. Die Hütten sind solchergestalt durcheinander gesetzet, ohne Wege und Stege, dass man nicht weiß, wie man hinkommen soll“.

(wird fortgesetzt)

Gestaltung: Andreas Bubrowski

  1. aus: Otto-Erwin Hornsmann, Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland, Museum Helgoland, 2006, mit freundlicher Genehmigung des Autors

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